Tod am Mekong
Am Nachmittag trafen sie sich mit Chai. Sie fuhren in dem alten Toyota zum ›Lumpini-Park‹ und machten einen Spaziergang durch die schöne Gartenanlage. Sie beobachteten, wie ein etwa zwei Meter langer Varan eine Ente mitten im Parkgelände zerfetzte und verschlang. Keiner der zahlreichen Besucher des Parks störte sich besonders daran! Dann bummelten sie noch ein wenig durch die angrenzenden Straßen des Stadtteils Silom und aßen an einer Strassenküche leckere Nudelsuppe mit Schweinefleisch. Es war ein schöner Ausflug, aber die Stimmung der drei war schon sehr von der bevorstehenden Abreise geprägt. Ständig sah einer von ihnen auf die Armbanduhr oder fragte ›hast du dies eingepackt? - hast du daran gedacht?‹. Es war für alle drei in gewisser Weise erleichternd, als sie endlich wieder am Hotel angelangt waren.
Nach einer kurzen Abschieds-Szene stand Thomas plötzlich ganz alleine vor dem Hoteleingang und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Obwohl er mit Nils ausgiebig über den weiteren Verlauf des Urlaubs gesprochen und eigentlich auch überhaupt keine Bedenken hatte, dass er mit der neuen Situation nicht umgehen könnte, fühlte er sich im Augenblick ziemlich verloren in dieser fremden Welt.
Thomas beschloss, sich noch etwas die Beine zu vertreten und bummelte die Sukhumvit Road entlang. Er sah sich die vielen, bunten Auslagen der unzähligen Verkaufsstände an. Eine lange Cargo-Hose, aus einem leichten Baumwollstoff, hatte es ihm angetan. Nun kam der große Moment, wo er das erste Mal in diesem fremden Land feilschen musste. Es ging noch ganz harmlos los, mit: ›How much?‹ und ›Oh, no! 400 Baht is too much!‹
Der kleinwüchsige Verkäufer tippte wie ein Wilder auf seinem riesigen Taschenrechner herum und zeigte Thomas dann seine Preisvorstellungen auf dem Display. »No mistääh! Cannot do hundred-fifty! Give me more, mistääh!« lamentierte er.
Nun zündete Thomas die zweite Stufe der Rakete. Er machte ein zerknittertes, schmerzverzerrtes Gesicht und log: »I am a poor student from Finland! I have ten children!«
Der Thailänder fing an zu lachen und antwortete: »I have twenty children, mistääh! Cannot do hundred-fifty! Give me tree-hundred, mistääh, please!«
»My wife is in hospital!« insistierte Thomas grinsend, »I must pay for the doctor! Doctor is very expensive!«
Nun konnte sich der Verkäufer kaum noch halten vor lachen. Sie einigten sich auf 200 Baht, und sie konnten beide wirklich zufrieden mit ihrem Geschäft sein. Und das wichtigste war dabei, dass sie beide ›Sanuk‹ - Spass - gehabt haben.
Es war zwar noch nicht so spät, aber Thomas beschloss trotzdem auf sein Zimmer zu gehen. Er hatte Lust ein wenig Fern zu sehen, die Mini-Bar zu plündern und am nächsten Morgen zeitig aufzustehen. Also lenkte er seine Füße den inzwischen vertrauten Weg entlang zum Fahrstuhl. Wie kaum anders zu erwarten hatte der Liftboy Khun Bom wieder Dienst und begrüßte ihn wie einen alten Freund. Er öffnete die Fahrstuhltür und lies Thomas einsteigen. Doch ganz unerwartet stieg er mit in den Lift und drückt rasch den Schließ-Knopf. Dann fragte er den verdutzten Thomas: »You want a lady? Very nice lady! No problem!«
Thomas war völlig irritiert, ein Bisschen empört, ängstlich. Er starrte Khun Bom an ohne zu antworten. Dieser klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter und erklärte ihm lächelnd, dass das ganz normal wäre hier in Bangkok. »No problem!« wiederholte er beschwichtigend, »only take away lonelyness.«
Thomas hatte noch nie etwas mit einer Prostituierten zu tun gehabt. Irgendwie passte das überhaupt nicht in sein Welt- und Wertebild. Er fand die Vorstellung immer abstoßend. Aber je mehr der gute Bom auf ihn einredete, desto unsicherer wurde er. ›Warum eigentlich nicht?‹ fragte er sich schließlich. Er hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr mit einer Frau geschlafen. Er hielt sich eigentlich nicht für prüde, war vielleicht etwas verklemmt in verschiedenen Dingen. Wer sollte es ihm übel nehmen, oder aus welchen Gründen auch Vorwürfe machen?!
»How much?« hörte er sich sagen und erschrak bei seinen eigenen Worten. ›How much‹, mein Gott war das billig! Das war wohl die schlechteste Frage seines Lebens! ›Thomas wie tief bist Du gesunken?!‹
Khun Bom fand allerdings überhaupt nichts Schlimmes an der Frage und nannte ohne zu zögern einen Preis: 1.500 Baht. Dann kam er ganz schnell zur Sache, denn die Fahrstuhltür öffnete sich bereits mit dem vertrauten ›Bing!‹. Während er den Finger auf dem ›Öffnen‹-Knopf gedrückt hielt redete er weiter beruhigend auf das Nervenbündel Thomas ein und versprach ihm, dass er ihm ein ganz besonders nettes Mädchen schicken, und dass Thomas die Sache bestimmt nicht bereuen würde.
Thomas stolperte in sein Zimmer und war völlig aufgeregt. Ihm schossen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Dann fiel sein Blick auf die Mini-Bar und er nahm sich erst einmal einen Flachmann ›Regency‹ heraus und goß sich einen ordentlichen Schluck davon in ein Glas. Er spülte den ekelig synthetisch schmeckenden Schnaps in einem Schluck herunter, schüttelte sich und ging ins Bad. ›Erst einmal Duschen,‹ dachte er, ›so verschwitzt kann ich doch keiner Frau gegenüber treten.‹ Er hatte sich von Khun Bom ein Stunde Zeitvorsprung erbeten, doch diese Zeit wurde jetzt zu einer Ewigkeit. Nervös ging er im Zimmer auf und ab. Sollte er die Bettdecke aufklappen, oder sähe das zu eindeutig nach dem aus, was es ja eigentlich war? Sollte er der Dame zuerst etwas zu Trinken anbieten? Wenn ja, was? Whisky? Das war ja wohl nicht das Richtige. Tee! Das wär´s! Tee bekommt man hier in Thailand zu jeder Gelegenheit. Tee ist unverfänglich. Auf der Anrichte über der Mini-Bar befand sich ein Wasserkocher, zwei Tassen und zwei Teebeutel. Problem gelöst, Gott sei dank! Aber das Licht! Welche Leuchten sollte er einschalten? Es durfte nicht zu hell sein, aber auch nicht zu dunkel. Thomas rannte durch den Raum und knipste die Stehlampe an. Jetzt noch die Deckenbeleuchtung aus...es klopfte! Scheiße! ›Was mach ich jetzt?!‹
Er stand da wie angewurzelt, starrte die Tür an. ›Pock pock pock!‹ Er musste etwas tun! Fünf Schritte, dann war er bei der Tür. Er öffnete sie mit einem Schwung. Vor ihm stand ein junges Mädchen, vielleicht 20 Jahre alt, grinste ihn an. »Hello, I´ m Noi.« Sie huschte an ihm vorbei, musterte den Raum kurz und warf einen Stoffbeutel lässig auf den Stuhl. Dann verschwand sie im Bad. Thomas schloss die Tür und flüsterte vor sich hin »Hello Noi, nice to meet you.«
Noi planschte etwa 10 Minuten lang im Bad und kam dann in ein großes, weißes Hotel-Badehandtuch gewickelt heraus. Sie ging auf Thomas zu, nahm ihn am Ellenbogen und führte ihn lächelnd, mit sanftem Druck ebenfalls ins Bad. »Ich hab gerade...« murmelte er auf Deutsch, fügte sich dann aber und duschte sich artig erneut ab. Das Handtuch um die Hüfte gewickelt kam er ins Zimmer zurück. Noi lag unter der Decke, das Licht im Raum war, bis auf ein Notlicht, das rot schimmert, ausgeschaltet.
»Do you want to drink anything?« fragte Thomas unsicher. Noi deutete auf eine geöffnete Cola-Dose, die Thomas nun konturenhaft auf dem Nachttisch erkennen konnte und sagte: »Hep dlink, Colaaa.«
So, das wäre geklärt, aber was jetzt? Thomas stand bewegungslos neben dem Bett.
Hier geht´s weiter!