Frustriert heuerte er in Hamburg auf einem Containerschiff als Schiffskoch an. Der überwiegend asiatischen Besatzung schmeckte sein Essen überhaupt nicht und auch die wenigen europäischen Offiziere hatten deutlich andere Vorstellungen von schmackhafter Ernährung als Robert. Zwar lernte er noch die wichtigsten Grundlagen der asiatischen Küche von einem philippinischen Matrosen, dennoch wurde er schon nach wenigen Wochen an Bord, zum Abheuern genötigt.
Mit einer ganz anständigen Heuer in der Tasche und einem, von der Reederei bezahlten, offenen Rückflug-Ticket in der Hand, stand Robert kurz vor Weihnachten auf der Kaimauer des Hafens von George Town auf der malaysischen Insel Penang. Die Atmosphäre in dieser tropischen Metropole, die ungewohnte Hitze, die völlig anderen Geräusche, Gerüche und Farben, die freundlichen Menschen und das quirlige Leben in den Straßen, all das faszinierte ihn von Anfang an.
Robert blieb zwei Monate lang in Malaysia und arbeitete dort in einem Hotel einer amerikanischen Kette. Die Arbeit war hart und die Bezahlung inakzeptabel. Robert wurde unzufrieden und machte sich schließlich auf den Weg nach Thailand, wo er nach einer anstrengenden Busfahrt auf der Ferieninsel Phuket landete.
Das Leben hier erschien Robert wie eine aus der Kontrolle geratene Riesen-Fete. Wenn Eva ein paar hübsche Schwestern gehabt hätte und die Schlange Alkohol statt des dämlichen Apfels über den Zaun gereicht hätte, dann hätte man das Paradies bestimmt Phuket getauft und Jesus wäre eines Tages als buddhistischer Mönch aufgekreuzt.
Trotz seiner eisernen Sparsamkeit aus Rücksicht auf sein knappes Budget, nahm Robert an dem Touristenleben ausgelassen teil. Er lernte viele nette Urlauber kennen und hatte wegen seiner freundlichen und bescheidenen Art einige thailändische Verehrerinnen, die sich, wohlgemerkt unentgeltlich, mit ihm einließen. Eine dieser Damen, ein Barmädchen von Bangla, Patong-Beach, wurde zu seiner festen Freundin.
Es war eine wirklich schöne Zeit, nur eines gelang Robert nicht: Eine anständige Beschäftigung für eine angemessene Entlohnung zu finden. Es gab in Phuket wirklich nichts, was noch gefehlt hätte und wo Robert eine Marktlücke hätte ausfüllen können. So brachte ihn seine Freundin Nia schließlich dazu, mit ihr zusammen in ihre Heimatstadt Sisaket zu reisen, um dort unter ihrem Namen ein Restaurant zu eröffnen. Nach 12 Wochen Aufenthalt in Phuket reiste er schließlich mit einer glücklich aufgeregten Nia, selber indes mit gemischten Gefühlen, in Richtung Nordosten.
Doch seine Zweifel waren unbegründet. Es gab in Sisaket einen bescheidenen aber stetigen Tourismus und ein paar Farang, die in der Kleinstadt und in den umliegenden Dörfern mit ihren thailändischen Frauen zusammenlebten. Ein gut gelegenes, günstig zu mietendes Lokal war schnell gefunden und die Einrichtung konnte Robert mit Hilfe einiger Handwerker nach seinen Vorstellungen verwirklichen. Schon am Eröffnungsabend war das Lokal gut besucht und Roberts Kochkunst fand allgemein großen Anklang. Es dauerte etwa ein drei- viertel Jahr bis Roberts Restaurant eine etablierte Adresse in Sisaket war, die bald sogar in verschiedenen Thailand-Reiseführern als Insidertipp Erwähnung fand. Für die hier lebenden Ausländer waren Robert und Nia mit ihrem Lokal bald eine unentbehrliche Institution. Nias Familie lebte etwa zehn Kilometer entfernt in einem kleinen Dorf. Warf man ihr zunächst noch vor, sich nicht genug um ihre Familie zu kümmern, so neidete man dem Paar bald den bescheidenen Erfolg mit seinem gut laufenden Restaurant. Nia litt sehr unter dem Argwohn und dem Neid ihrer Familie, andererseits wusste sie auch nicht, was sie an der Situation hätte ändern können. So versuchte sie sich voll und ganz auf ihren Robert und auf die Rolle als erfolgreiche Restaurantbesitzerin zu konzentrieren, in der Hoffnung, dass mit der Zeit das Verhältnis zu ihren Eltern und den beiden Brüdern wieder in Ordnung kommen würde.
*
Walter stand mit einem Koffer in der einen Hand und einer Reisetasche in der anderen auf dem Bahnhofs-Vorplatz von Sisaket und wusste nicht, was er nun machen sollte. Er stand da, drehte sich nach rechts, guckte, drehte sich nach links, guckte wieder, stellte seine Sachen auf den schmutzigen Boden und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er fühlte sich erschöpft und völlig verloren in dieser fremden Welt. In Pattaya gab es wenigstens eine Infrastruktur, die einem Farang eine gewisse Vertrautheit und Sicherheit gab, hier aber war alles sehr fremdartig.
Walter kramte seinen Zettel aus der Jackentasche, auf dem die Adresse seiner Frau stand. Er sah sich den Zettel an und blickte dann hilflos in die Gegend. Der Bahnhof hatte sich in kurzer Zeit geleert, nur eine alte Frau machte sich an einem großen Bündel aus bunten Plastikplanen zu schaffen. Walter nahm seine Sachen und verließ das Bahnhofsgelände. Ziellos schlenderte er die belebte Straße entlang. »Farang« hörte er die Leute sich zuraunen. Der Klang der Sprache war ihm längst vertraut geworden, verstehen konnte er dennoch kaum ein Wort.
Walter hatte kein Gefühl dafür, wie lange er schon gegangen war. Plötzlich stand er vor einem, zur Straße hin offenen Restaurant, über dem in großen, lateinischen Lettern »Roberts Restaurant« stand.
»Ich bin gerettet!« murmelte Walter. Er erklomm die eine Stufe, die der große Raum vom Bürgersteig erhaben war und schlurfte zum Tresen hinüber. Dann holte er seinen Zettel hervor und fragte auf Schwyzer-Englisch: »Can you help me...?«
Die junge Thailänderin blickte kurz auf und rief dann laut:
»Rob! Farang, ma reo!«
Robert kam aus der Küche heraus und wischte sich die Hände an seiner Schürze ab.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er auf Deutsch den erschöpft wirkenden Europäer.
»Ich suche meine Frau«, antwortete Walter und fügte kleinlaut hinzu:
»Und Hunger habe ich auch!«
Der Fremde sah bemitleidenswert aus und Robert erkannte sofort, dass der Mann Hilfe brauchte. Beruhigend sagte er:
»Nun setzen Sie sich erst einmal hin und sehen sich die Karte in Ruhe an. Heute gibt es Hackbraten als Tagesgericht. Ich bin gerade dabei, es wird nur noch ein paar Minuten dauern. Dann habe ich auch etwas Zeit für sie, aber jetzt muss ich erst einmal schnell zurück in die Küche.«
»Hackbraten wäre jetzt schön!«, antwortete Walter. Die Worte des freundlichen Wirtes hatten eine unheimlich beruhigende, ja tröstende Wirkung auf ihn. Er setzte sich an den Tresen, um näher am Geschehen zu sein. Das Lokal war völlig leer. Außer ihm waren nur der Wirt und eine junge Dame anwesend, die damit beschäftigt war, Gläser aus einem Karton zu nehmen und diese dann in dem Spülbecken zu reinigen.
»Möchte Sie etwas trinken?«, fragte Robert eilig.
»Ja, Leo!«, antwortete Walter. »Haben Sie Leo Bier?«
»Leo, geht klar!« Robert drehte sich zu der Frau. »Nia, Leo khuat jai, krab!«
Dann tippte er flüchtig auf seine Armbanduhr und verschwand in dem Raum in der Ecke hinter dem Tresen.
Walter bekam sein Bier und ein sehr freundliches Lächeln von Nia. Er bedankte sich auf Thailändisch. Nia nahm sein »Khop khun krab!« mit verhohlenem Gekicher entgegen und ohne Walter zu antworten, verschwand sie in der Küche. Noch im Hineingehen rief sie lachend »Farang phut thai dai!« in den hinteren Raum und ließ die Tür hinter sich zufallen. Obwohl sie einige Jahre lang in Phuket mit vielen Farang zu tun gehabt und es ihr dort keineswegs an Selbstvertrauen gemangelt hatte, wurde sie hier in der Provinz doch nach und nach wieder von ihrer alten ländlichen Schüchternheit und Sittsamkeit zurückerobert.
Robert und Walter saßen nun schon eine ganze Weile an einem Tisch in der Nähe des Eingangsbereiches. Robert hatte immer noch nicht ganz verstanden, worum es in Walters Geschichte eigentlich ging. Schuld daran war, neben Walters schwer verständlichem Schweizer Akzent, auch seine unglaublich umständliche Art Dinge zu erklären. Eines hatte Robert aber schon bald herausgefunden, nämlich dass Walter einem ziemlich unberechenbaren Miststück von thailändischer Frau aufgesessen war. Die Adresse, die auf Walters Zettel in thailändischen Lettern aufgekritzelt war, konnte es nach Nias Angaben überhaupt nicht geben. Einzig der Name kam ihr irgendwie bekannt vor, auch wenn sie sich nicht konkret erinnern konnte.
Na gut, noch eine Seite...