Hinter einer Hügelkuppe sahen wir eine Stichflamme in den Himmel ragen und anschließend einen anhaltenden Feuerschein.
»Oh verdammt, da muss etwas passiert sein«, rief Matzi und gab Gas.
Gespannt lugten wir durch die Scheiben. Oben an der Einmündung in die Bundesstraße angekommen, erblickten wir etwa zweihundert Meter rechts von uns ein Fahrzeug, welches lichterloh in Flammen stand. Matzi bog in die Bundesstraße ab und fuhr mit Vollgas zu der Feuerstelle. Mein Puls raste vor Aufregung. Im Näherkommen sahen wir zwar, dass auf der Straße Menschen herumliefen, ob sich jedoch in dem Auto auch noch Personen befanden, konnten wir nicht erkennen. Erst als wir ausgestiegen waren entdeckten wir den alten Polizei-Passat, der etwas weiter hinten, mit immer noch eingeschaltetem Blaulicht, am Straßenrand geparkt war. Sundermann ging auf uns zu und beschwichtigte, dass alles unter Kontrolle sei. Neben dem brennenden Auto, vermutlich einem kleineren japanischen Geländewagen, stand Jürgen Staak mit einem Benzinkanister in der Hand und glotzte wie hypnotisiert in die Flammen. Es stank penetrant nach verbranntem Plastik. Gegenüber, auf dem Grünstreifen am Rande der Straße, tupfte eine junge Frau einem Mann, dessen Augen geschwollen waren, Blut aus dem Gesicht. Der Mann sah schwer angeschlagen aus. »Was ist passiert?«, wollte Rolf von Sundermann wissen.
»Wir haben das Schwein jetzt schon zum fünften Mal besoffen beim Autofahren erwischt«, antwortete der sichtlich erregt. »Irgendwann ist dann mal Schluss!«
»Moment mal«, fragte Rolf ungläubig. »Ihr habt ihn zusammengeschlagen und dann einfach sein Auto angesteckt? Das glaube ich jetzt nicht!«
Indessen war Jürgen Staak zu uns herüber gekommen. »Misch du dich da nicht ein, ja!?«, schrie er drohend.
»Was bleibt uns denn anderes übrig?«, richtete sich Sundermann versöhnlich an uns. »Wir können ja niemandem den Führerschein abnehmen oder sonstige wirkungsvolle Sanktionen verhängen. Dazu sind wir ja leider nicht befugt.«
»Aber ihr hättet den armen Kerl nicht gleich so übel zurichten zu brauchen!«, wandte Matzi ein.
»Und du misch dich da auch nicht ein!«, herrschte ihn Staak an.
Sundermann errötete. Wütend schrie er: »Das Schwein ist ausfallend und respektlos geworden! Bei respektlosem Verhalten hört der Spaß auf, weißt du!? Wenn wir Respektlosigkeit durchgehen lassen, dann ist hier bald Feierabend in dieser beschissenen Provinz!«
»Ihr könnt ja mal nach Hannover fahren und euch davon überzeugen, wie es in der Anarchie zugeht!«, brüllte Staak immer noch in Rage. »Ich wünsche euch viel Vergnügen! Und wenn es euch nicht passt, dass wir hier ein wenig für zivilisierte Verhältnisse sorgen, dann suchen wir uns auch gerne einen dankbareren Job!«
»Wir sind hier wohl jetzt fertig«, beruhigte ihn Sundermann. »Lass uns mal den Abflug machen!«
Die beiden Polizisten gingen zurück zu ihrem Auto.
»Du wolltest dich schon vor mehr als einer Woche um das beschissene Blaulicht kümmern, Mathias!«, schrie Jürgen Staak noch, dann brauste der Polizei-Passat davon. Matzi sah dem davonfahrenden Polizeiwagen kopfschüttelnd hinterher, anschließend wandte er sich an das unglückselige Paar am Straßenrand: »Sollen wir euch irgendwo hin mitnehmen?«
Die aufgequollene Visage brüllte ihn an: »Verpiss dich, du Wichser!«
Der blonde Jo machte einen Schritt in seine Richtung und trat ihm voll ins Gesicht. Der Mann fiel nach hinten um und blieb röchelnd im Gras liegen.
»Und was ist mit dir?«, fragte Matzi das Mädchen ruhig.
»Ich kann meinen Freund doch nicht einfach hier liegen lassen!«, antwortete sie.
»Der ist doch sowieso fertig!«, erwiderte der dunkle Jo.
»Ja das schon, aber wo soll ich denn jetzt einen neuen Typen herkriegen?!«, heulte sie.
»Da hast du auch wieder recht!«, bemerkte Matzi und wandte sich von ihr ab. »Kommt Leute, lasst uns weiterfahren.«
Als wir anschließend losgefahren waren, sagte ich: »Aber ein bisschen durchgeknallt sind eure komischen Hobbypolizisten schon, oder?«
Die Insassen in unserem Auto schwiegen. Dann versuchte Matzi eine Erklärung: »Du hast ja langsam mitbekommen, dass wir hier im Moment eine außergewöhnlich schwierige Situation haben. Es ist für einen Außenstehenden nicht so einfach, die Ereignisse hier richtig einzuschätzen.«
»Und deshalb schlagen die Polizisten Autofahrer zusammen und stecken deren Fahrzeuge an, ja?!«, entgegnete ich.
»Du musst dich mal in unsere Lage versetzen«, versuchte Matzi erneut. »Man hat hier jahrelang immer mehr in allen möglichen Bereichen vernachlässigt. Zunächst ging es damit los, dass die Straßen, mit wenigen Ausnahmen, nicht mehr repariert wurden. Dann kam es immer häufiger zu Stromausfällen. Die Bahntrasse in die Städte Hannover und Hamburg sollte angeblich saniert und modernisiert werden. Tatsächlich jedoch wurden die alten Schienen zwar demontiert, auf die Fortsetzung der Bauarbeiten aber wartet man seit nunmehr fast vier Jahren.«
»Schnelle Internet- und Datenleitung: Fehlanzeige!«, unterbrach ihn Rolf. »Statt dessen fällt schon das normale Telefon täglich für etliche Stunden aus. Wenn wir nicht selber einen Abholdienst aus Hannover organisiert hätten, würden wir keine Briefe und Pakete mehr bekommen.«
Heike ergänzte: »Auf elftausend Bürger kommt gerade einmal ein Arzt! Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet? Es gibt im ganzen Landkreis nur noch einen Rettungswagen und der wird ehrenamtlich von Amateuren betrieben. Wenn jemand in einer Notlage ist, dann muss er erst einmal Vorkasse leisten, damit die Rettungssanitäter tanken fahren können.«
»Nachdem sich quasi alle Lokalpolitiker als einerseits korrupt und andererseits total unfähig erwiesen haben, und immer mehr Infrastruktur verloren ging, ziehen immer größere Teile der Bevölkerung in die Städte«, fuhr Matzi fort. »Und statt dessen füllen nur noch schwierige Randgruppen die Lücken auf. Hätten wir nicht Staak und Sundermann mit dem Aufbau eines Sicherheitssystems beauftragt, würden uns die Probleme mit verwahrlosten Vollidioten, kriminellen Banden, den Mohamedanern, Russen, Balkans und wer weiß, wem noch allem, hoffnungslos über die Köpfe wachsen. Dazu kommt neuerdings der Stress mit den Jägern ...«

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